Freakshow Artrock Festival Oktober 2012

Die einen Vogel haben

Im Lande Progressive Rock regiert die, ähm, herrschende Meinung. Zahllose Librettisten schreiben mit, was das Königspaar, seine Räte und Minister beraten und entschließen. Rockstars und Musikersklaven tragen ihre Anliegen vor, werden zu Auftragswerken verurteilt, gelobhudelt oder verbannt. Bürgern, die davon berichten, dass Löwen und Elefanten zwischen Dirndln und Kühen in fränkischen Dörfern ihr Unwesen treiben, dass Wirtsleute trockene Blaue Scheurebe (nur 40 h Anbaugebiet in Germanistan) und heißen Leberkäse auf knusprigem Brot anbieten und gemütliche Gemeinden wildfremdes, seltsam gekleidetes und frisiertes Volk ertragen müssen, wird abgeholfen oder nicht.

Zu Abend wird, was am Tage gesprochen und von den Librettisten mitgeschrieben, in einem großen, frisch komponierten Werk in der Staatsprogoper aufgeführt, was über Dschungelkanäle im ganzen Land ausgestrahlt wird. 4 Stunden muss so ein tägliches Werk andauern, in 6 Sprachen (spanisch, portugiesisch, französisch, englisch, deutsch, Zeichensprache) wird gesungen/gestikuliert/gemimt, das Volk schaut und hört zu, wie seine Rockstars und Musikersklaven den Tag auf die Bühne bringen, was erneuten Gesprächsstoff für den folgenden Tag bringt. Wenn der König grinst und die Königin die Augen kreisen lässt, die Räte und Minister fröhlich schunkeln, gibt es anschließend keine Toten.

In einer unterirdischen Spelunke sitzen ein paar träge Hobbitgestalten bei Butterbier auf Menschenhockern und lassen ihre Beine über am Boden kriechende Hexenschlangen pendeln, als ein solcher Lockenhobbit namens Charlius Obelix Heidenreichus, angeödet von der Lärmkaskade, die aus dem Dschungelkanal dröhnt, vom Hocker fällt, direkt einer riesigen Giftschlange vor die Giftdrüsen. Die, zack!, schlägt, beziehungsweise beißt zu, und mit dem Lockenhobbit ist es, scheint's, aus. Doch nein, er quält sich dreißig Menschenjahre, die hier nur ein paar Hobbitbierminuten betragen, durch sein Giftkoma. Der in seinem Gedärm brodelnde Giftcocktail baut seine Gehörschemata um, so dass er, als er erwacht, nicht mehr ertragen kann, was ihn schon zeit seines Bierhobbitlebens langweilte: die Staatsprogöde.

Und ihr glaubt es nicht: er setzt sich zurück an den Menschentisch und beginnt, seine Tischkumpanen vollzuquatschen. Die bekommen dicke Schädel und haben Angst, dass ihnen der Kopf platzt, doch statt dessen knallt nur die Staatsblase von ihren Schädeln weg, die ihnen das Proggehör verdummt hat und plötzlich erkennen sie ihr ganzes Gehörsystem, das Außenohr, das Innenohr, die auditive Hirnrinde, die Hörnerven, das Trommelfell, die Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel, das runde Fenster (das die Paukentreppe des Innenohrs mit dem Mittelohr verbindet), die eustachische Röhre (Ohrtrompete) und mehr, etwa die Gehörschnecke, das Gleichgewichtsorgan, die Bogengänge, Synapsen und Vibraphon-Endolymphe; und mehr.

Und sie sehen sich an, fallen sich in die Arme, beginnen zu diskutieren, einige prügeln sich, andere trennen sich für immer, jene bekommen Kinder (sofort) und welche kochen ihre LP-Sammlung ein. Einer zeichnet Löwen und Elefanten zwischen Dirndln und Kühen auf Balkonen, darunter Staatshobbits und Hogwarts-Schlangen. Kritische Töne werden laut, Sänger singen und Lautenspieler spielen Laute, Bühnen plustern sich auf, Gitarren werden elektrisch, Vibraphonhölzer schneiden sich zurecht, Charlius heiratet eine Elfe namens Ellenius. Der Wirt steigt die 1.653 Stufen hinauf, die sein unterirdisches Reich vom Boden des Overgrounds trennt und der Chor der Erwachten ruft: "Verbannte! Verbannte! Musiker! Zu uns!"

"Uns zu" hallt es bis zur fernen Verbannung, wo in sibirischen Eislöchern geniale Komponisten Methanblasen zunähen, die gerade aufzuschmelzen gedenken. Und sie stürmen ihre Staatsangestelltenbewacher, erschrecken diese zu Tode und schmeißen mit platzenden Methanblasen, dass mit Gestank und Knall die Staatsblase wegknallt - und immer weitere Befreite hören und wollen "zu uns".

Charlius inzwischen, Konzertsüchtig und Elefantenschreckhaft, sucht nach Finanzen, indes: kein Mäzen in der befreiten Horde. Spione werden ins Staatsgebiet entsandt, Mäzene zu befreien, ihnen die Staatsblase wegzusprengen, sie progzubefreien. Und peng, sie finden keinen.

Der Staat da oben ist pleite, der König spielt mit Schulden, die Königgin schminkt sich mit dem Grind aus dem verdreckten Staatsfluss, 95% aller Menschen leben am Brotkantenminimum, 4% geht es leidlich gut, 1% gehört praktisch alles, was es so gibt, außer Gehörknöchelchen. Einen solchen Mäzen zu ergreifen, schickt das befreite Underground-Volk zwei Helden aus, einen humpelnden Riesen und einen grinsenden Bartlosen, denen vor der Befreiung nichts noch gelungen war, so dass die befreiten Chancen gut sind. Aber: keine Moneten.

So sammeln sie Sand aus den Taschen und bauen Schlösser auf losem Grund. Alles gut. Die erste verbannte Band sagt zu, sagt ab. Andere sagen zu. Das Konzert findet statt. Was danach sodann weiter tun?


Jean-Louis ergreifend zu finden, war Norddeutschen nicht vergönnt, alldieweil Autofahrer ihre Automobile zu Staustangen verkeilten, die über Kilometer sich zogen und entnervte Rumsitzer und Terminverpasser zu Wartestunden verdammten. Indes spielte die Band aus Frankreich und hinterließ warmgelaufenes Publikum. Abend eins spielte sich im Café Cairo ab, der Raum schmal und eng, über Kirchturmtreppenrund zu erreichen. Es gab Bier, Wiedersehen und Kommunikation, biologische und Essensgerüche und anschließend das Schweizer Lucien Dubuis Trio, dessen Multi-Gebläse nutzender Chef unter anderem Kontrabassklarinette spielte, was allerliebst klang und ebenso gut aussah. Verrückt schräge Truppe, eher Jazz als Prog, indes weniger Jazz eher, mehr Avantrock freecore, guter zweiter Opener - und wie stets: die Meinungen der geneigten Anwesenschaft ging weit auseinander. 7For4 sind Jazz wie Metal zugeneigt und brachten ihr hochenergetisches Gebräu auf stetem Level nach der weiteren Kommunikationspause in den düsteren, lebhaft aufmerksamen Raum. Die Münchner Band gab mit ihren instrumentalen Songs geordnete Struktur und fingerfertige Gleichmäßigkeit in hoher Taktfrequenz und Technikrasanz ins Volk, stilistisch war das Trio mit keiner weiteren Festivalband zu vergleichen und der erste Abend ließ einer weiteren französischen Band die Bühne: Guillaume Perret's Electric Epic (mit One Shot's erstaunlich zurückhaltendem, indes illuster spielenden Philippe Bussonnet am Bass) preschten ungezügelt mit Mordsdrive und losgelöster Energie von Beginn bis Ende, der namensgebende Chef am elektrischen Saxophon hatte ein Brett vor den Füßen, wie es ansonsten die technischen Gitarristenfritzen haben und er drehte an Knöpfen und blies dem Publikum zugleich den Schädel weg. Sehr kurzes, Pardon, kurzweiliges Konzert, zum Schweben, Beben und Abheben! Grandezza Perfetto!

Danach war Schluss. Charlius schickte die Meute zu Death Metal oder Punk, egal, DRÖHNUNG! Das Volk nutzte die Weite des Raumes und zerstreute sich. 4 junge Menschen und ein angejahrter Kerl teilten sich ein WG-Zimmer (mit offenem Fenster, puh!), nachdem Essen gegessen und Trinken geflossen und allerlei Kommunikationsdings durch die verrinnende Nachtzeit gegangen waren.

Wein am nächsten Morgen. Randersacker am Berg, Morgennebel und alsbald die Auflösung. Weite, Herbstfarben, Tropfen auf den Trauben. Frühtrunk. Weinverkostung.

Sorry! Große Entschuldigung! El Soliste Guitarriste, der dem verträumten Festivalzweittagesbeginn als Scherzoo-Ersatz begegnete (der Keyboarder Scherzoos [so ein süßer Knabe!] steckte irgendwo auf seltsamen Straßen fest und wusste nicht, wann er eintreffen würde) begann mit einem, wie mir gesagt wurde, illustren Soloset und war längst kein schlichter Ersatz. Die norddeutsche Crew kam zu spät und merkte erst viel später wieder auf, als Sh.tg.n aus Belgien die Bühne mit emotional heftigem Rock, der avantgardistische wie jazzige, progressive und, ja, weitere Richtungen (Richtungen?) mischte, mit doch leicht schüchternem Brüllsänger junge Songs ins Auditorium schleuderten, und es gab Mallets (Olé!). Wunderbar dynamisches concerto einer noch nicht ganz lockeren und dynamischen Band, deren Frische und Jugend Unbekümmertheit und Krach mit, eben, Schüchternheit (so'n altes Publikum!) (und so wenig Leute!) (noch weniger junges Volk!) zwangslustigmixte. Die Meinungen danach, sie gingen auseinander. Weit.

Sodann Scherzoo (mit schließlich eingetroffenem Keyboarder [so ein süßer Knabe!]) stampften auf die Bühne und präsentierten das Gegenstück zu Guillaume Perret's Electric Epic. Impressionistische Songs, verkopft, lyrisch, versteckt donnernd, technisch vibrierend und leise sanftmütig und doch gut. Dem Jungvolk war's nicht frech und wild genug, und doch gut. Der typisch französische Jazzrock mit starkem Link zu seinen 70s Urwurzeln wollte entdeckt und nachvollzogen werden, war seine Herausforderung wert und, im Anschluss, die Meinungen, sie gingen weit auseinander.

Das Festival fing früher an, hörte dafür später auf. Mancher Gast war vor dieser Umstellungsbenachrichtigung bereits auf Bahnzüge gebucht, die ihn schleunigst in seinen heimischen Schlafanzug bringen sollten und war unfroh über die späte Mitteilung vor dem sparsamen Zugticket. Die Bands wurden getauscht. Die Members of Wobbler spielten das Set von Le Silo, jene das von Wobbler - oh no! - Pardon. Anders. Erst Wobbler mit eigenem Set: Yes, schwedischer Symphonic Prog auf lüstern analogen Keyboardbergen, kurze Haare (Oops!), lange Songs (Puh!) und die Freude war groß.

Vermutlich wäre dieses Line-Up schon genug Erfüllung, doch die verbannten Bands wollten die Bühne und eine weitere bekam sie: Le*Silo, Japan.

Dass die Bandchefin des Trios, so fein und klein sie ist und fröhlich wie kindlich wirkt, einen Vogel hat, bewies sie nicht erst mit dem letzten Song, mit dem aber kräftig. So kräftig, dass die anwesenden Staatsblasenprogbefreiten als irre Freaks vor der Bühne rumalberten, lachten, tanzten und nicht mehr stehen noch liegen noch denken mochten und wie flatterndes Geflügel aufgescheucht dumm rumhampelten und voll aus dem Häuschen waren. Soweit gingen Konzerte bei Charlius selten noch, und die waren immer schon für Gehörgelöste. Schickster Stoff!

Ach ja, die Songs davor waren kaum weniger gut. Eine Ballade mal so, und sonst? Saß das Trio da, als spielte es sanftmütige Strandsongs für melancholische Traumseelige, but nix: Heavyness for Brutalverwöhnte! Die Meinungen im Anschluss, die gingen nicht mehr auseinander, die waren verlötet, besseres Ambrosia für Progsüchtige geht nicht wohl.

Dann war Schluss. Nicht.

Es ging ins Immerhin. Progtanzen bis die Beine beben, Le*Silo, Scherzoo und Wobbler mittenmang, Led Zeppelin, War, Magma und allerlei derlei viel zahllos endlos stetig mehr, bis die Kinder den Oldtimer aus dem Verkehr zogen und Nachtruhe ins tobende Gedärm brach.

Nur, war dies hoffentlich nicht das letzte Krächzen vor dem Freakshow Artrock Tod und Charlius meinte: 's geht weiter!

Meinen wir auch.
VM



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