The Katie Bull Group Project "All Hot Bodies Radiate" (Ashokan Indie 10.11.2015)


"All Hot Bodies Radiate" ist das bereits fünfte Album der grandiosen Jazzstimme Katie Bull. 13 Tracks sind auf der CD vereint (64:56 Minuten), darunter ein Jazzstandard und 12 Eigenkompositionen der jungen Lady mit der starken Stimme und dem sprudelnden Ideenquell. Stilistisch sind Sängerin und Band weit orientiert. Da sind eingängige Vokaljazz-Passagen - indes nie ganze Tracks. Modern Jazz, partielle Free Jazz Inlays in heftigen oder kurzen Attacken, Jazzrock und in allem extrem lockeren, vitalen, technisch rasanten und dabei stets zuhöchst intuitiven Spiel aller Beteiligter das, was im Jazz wohl Zeitlosigkeit genannt werden muss. Und eine Menge mehr.
Die Band spielt frech und mit ungezügelter Spielfreude, von der Chefin angestiftet, die Texte ebenso perfekt singt wie sie über alles Melodische hinaus atonalen Strukturen Gesang gibt und lautmalerisch freien Scat aus dem Ärmel schüttelt. Nichts, partout nichts wirkt angestrengt oder starr, das gesamte Album läuft wie aus einem Guss durch, trotz der vielfachen Facetten oder gerade deswegen. Neben Bulls Stimme ist das Saxophon (ss, ts) Jeff Lederers der erste locker-rasante Spielgefährte, während Bass (Joe Fonda), Schlagzeug (George Schuller) und Piano (sowie Electronics - Landon Knoblock) längst nicht allein fromme Basisarbeit verrichten, sondern wildern und wuchern, wo es geht und es geht ständig.
Alle Songs - alle - machen Laune. Doch einige sind darüber hinaus wilder und interessanter als die anderen. Hört euch nur "KoKo's Can - Do Blues" an, der Gesang zu Beginn, der Bass. Fabelhaft!
Es wird nicht langweilig. Gleich darauf die "Ghost Sonata" ist ein ganz besonderer Track. Wie Bull mit ihrer Stimme düstere Horrorstimmung baut und die Band mit dunkel-balladeskem Ton darauf einsteigt - alle Achtung. Großartig! (Und was schließlich noch daraus wirdů)
Und noch einmal gleich darauf: "The Drive to Woodstock". Fängt als liedhaft wilder Vokaljazz an und wird mit elektrischem Keyboard zu deftigem Jazzrock, dass gar der Schlagzeuger zu avantproggigem Spiel ansetzt, das enorm technisch, laut und hart gespielt für Jazzverhältnisse schmunzeln lässt und genial radikal ist. Katie Bulls schräger Scat-Gesang, ihre lockere Textinterpretation, das wild-frei-süffige Instrumentalgeschehen - für Rockfans, die Jazz erfahren wollen und ebenso für Jazzfans, die sich erinnern: stimmt, da ist ja noch was. So schlecht nicht!
Die Ballade "Torch Song to the Sun", ebenfalls mit elektrischem Keyboard, mit mystischer Note und lyrisch dunklem Ton, gibt Katie Bulls Stimme und Gesangsvitalität perfekte Basis. Avant-psychedelisch "I Guess This Isn't Kansas Anymore" (wie wahr!) - himmlisch! Und tief eingängig die weit und tief gefasste "Some Perfume Home" - Ballade. Schnell bricht sich aus der sanften Lyrik extreme - und sanfte - Atonalität, die wieder zur dunklen Ballade wird, um später noch einmal hinreißend auszubrechen.
Immer wieder schafft es die illustre Truppe, ernsthaft dunkle und klar strukturierte Motive ins humorvoll Komische ausreißen zu lassen. So wenig Katie Bull und ihre vier Jungs sich in klassischem Terrain bewegen wollen, so sehr ansteckend ist die so oft zart und still fließende, ins Wilde und Harsche frei und verrückt brechende Jazzästhetik.
Parallelen? Nun, die zum Jazzrock neigenden Tracks haben eine Tendenz zu Weather Report (ohne Funk) und zu Return To Forever (ab 1976). Katie Bulls Stimme muss und will nicht verglichen sein.
Die handwerkliche Perfektion der Band ist enorm rasant. Aus der Vielseitigkeit und technischen Finesse auf Basis dieser verrückt coolen Kompositionen hat dieses Ensemble alles gemacht. Und so entspannt die Band im Innencover lacht, kann sie ihr Album auch sehen.
Weihnachtsgeschenk!

KatieBull.com
VM



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